Bürgermeister im Kreuzfeuer

Ein Blick hinter die Fassade des Amtes und das eindringliche Plädoyer für den Schutz der kommunalen Demokratie

Was geschieht, wenn der Preis politischer Verantwortung zu hoch wird?

Kommunale Demokratie beginnt in den Rathäusern dieses Landes. Doch gerade dort geraten Bürgermeisterinnen und Bürgermeister zunehmend unter Druck: Sie sollen gestalten, vermitteln, Krisen bewältigen – und jederzeit erreichbar sein. Dabei erleben immer mehr Amtsträger persönliche Angriffe, digitale Diffamierung, Mobbing in Verwaltung und Gemeinderat, Drohungen gegen die Familie sowie strukturelle Überforderung.

Ich werfe einen Blick hinter die Kulissen der kommunalen Macht und decke auf, warum Politiker aufgeben, zurück- oder gar nicht erst antreten und mache so sichtbar, was hinter der öffentlichen Fassade geschieht. Anhand erzählerischer Fallgeschichten, psychologischer sowie gesellschaftspolitischer Einordnungen zeigt dieses Buch, wie Pflichtgefühl, Scham, Einsamkeit, Angst und existentielle Bedrohungen die Bereitschaft verändern, Verantwortung zu übernehmen.

Ein eindringliches Plädoyer für den Schutz der Menschen im und hinter dem Amt – und für die Zukunft einer funktionierenden Demokratie.

Die Psychologin der Bürgermeister – Stuttgarter Zeitung

Bürgermeister im Kreuzfeuer

Die unterschätzte Bedrohung der Demokratie
220 Seiten · Broschiert
ISBN 978-3-17-048096-4

Interview mit Mercedes Mende

* Um den Lesefluss zu erleichtern, wird das generische Maskulinum verwendet. Es sind stets alle Geschlechter gleichermaßen gemeint und angesprochen.
  1. Liebe Mercedes Mende, wie würden Sie den aktuellen Zustand der lokalen Demokratie in Deutschland beschreiben?
Die Kommunen sind die kleinste Einheit der Demokratie. Deshalb ist es so wichtig, dass die demokratischen Prozesse vor Ort funktionieren. Wenn Menschen erleben, dass hier etwas ins Wanken gerät, führt das zu gesellschaftlichen Problemen. Damit die Demokratie auf kommunaler Ebene funktioniert, braucht es Menschen, die bereit sind, sich in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen und Verantwortung zu übernehmen. Aktuell funktionieren in Deutschland die demokratischen Prozesse vor Ort noch überwiegend – und damit sie das auch weiterhin tun, habe ich mein Buch geschrieben.
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  1. Worin unterscheidet sich lokale Demokratie von der Demokratie auf Landes- oder Bundesebene?
Die lokale Demokratie ist unmittelbar, sie betrifft die Alltagsrealität der Menschen: Hat das Schwimmbad im Sommer geöffnet, gibt es eine Bücherei, einen Jugendtreff? Habe ich die Möglichkeit zu bauen, wenn ich eine Familie gründe – und gibt es ein Vereinsleben, um Gemeinschaft zu erleben? Mit solchen Fragestellungen beschäftigen sich die gewählten Vertreter im Rat zusammen mit der Verwaltungsspitze. Zudem ist die Wahl vor Ort personenbezogener; das Wahlprogramm spielt eine eher untergeordnete Rolle. Auf kommunaler Ebene treffe ich „meinen“ Bürgermeister im Alltag, kann ihn unmittelbar zu einem Thema ansprechen oder einen Termin im Rathaus vereinbaren.
  1. Welche Fähigkeiten verlangt das Bürgermeister-Amt, die sich nicht allein aus dem Fachwissen ergeben?
Das ist eine wesentliche Frage, die leicht unterschätzt wird. Das Amt erfordert insbesondere emotionale und soziale Fertigkeiten, also die Fähigkeit, in Beziehung mit anderen zu treten, die Erwartungen und Bedürfnisse anderer zu erkennen – und dabei die emotionale Distanz zwischen äußerer Erwartung und innerem Druck gut regulieren zu können. Ebenso wichtig sind Konflikt- und Kritikfähigkeit und das, was als Ambiguitätstoleranz bezeichnet wird: Die Fähigkeit, Mehrdeutigkeit und Unsicherheit auszuhalten, ohne vorschnell nach einer eindeutigen Bewertung zu suchen.
  1. Was ist klassisches Amtsträger-Mobbing und welche Rolle spielt Social Media bei dieser zunehmenden Aggression?
Das Thema Mobbing hat durch die sozialen Medien eine neue Dimension gewonnen, da die Kontaktaufnahme und Erreichbarkeit von Amtsträgern leichter geworden sind. Leider hat diese neue Nähe nicht nur dazu geführt, dass inhaltliche Fragen oder persönliche Anliegen einfacher gestellt werden können, sondern ebenso dazu, dass persönliche Angriffe und Anfeindungen hemmungsloser getätigt werden – auch durch die Anonymität des Internets.
  1. Einsamkeit im Amt – was bedeutet das für einen Bürgermeister?
Die Einsamkeit an der Spitze ist im politischen Geschäft weit verbreitet – und hochgradig belastend. Menschen brauchen Menschen, denen sie vertrauen und bei denen sie sich öffnen können, um sich sprichwörtlich gut zu fühlen. Wer kommunale Verantwortung trägt, steht ständig im Austausch mit Menschen. Doch berufliche Kontakte verfolgen meist eigene Interessen – und so sind diese Beziehungen mehr der Rolle zuzuschreiben als dem Menschen dahinter. Ebenso wird von politischen Führungskräften erwartet, stark und sicher zu sein. Schwäche oder eigene Ängste zu zeigen, kann da gefährlich werden – insbesondere, wenn die Wiederwahl ansteht.
  1. Laut einer forsa-Studie erwägt jede dritte Kommunalpolitikerin den Rücktritt – warum werden Frauen im öffentlichen Raum schneller gedemütigt als Männer?
Leider ist diese Beobachtung richtig und meine Antwort vielschichtig: Es sind zum einen tradierte Rollenbilder, sprich Führung ist männlich konnotiert, Macht und Entscheidungsautorität werden eher Männern zugeschrieben. Zum anderen ist es ein Stück weit gesellschaftlich toleriert, sich Frauen gegenüber despektierlich zu verhalten, bspw. sich öffentlich über ihr Aussehen oder Auftreten zu äußern. Daneben ist ein neuer Aspekt dazugekommen: das Frauenbild bestimmter migrantischer Gruppen, das Frauen einen minderen Wert zuschreibt.
  1. Gibt es regionale Unterschiede bei der Intensität oder der Art der Anfeindungen zwischen Ost- und Westdeutschland?
Diese Beobachtung habe ich nicht gemacht. Gewalt gegen Amtsträger ist kein lokales oder rein themenbezogenes Phänomen, sie lässt sich in der Zunahme der Alltagsaggressivität generell beobachten. Bürgermeister werden oft als Projektionsfläche für Wut und Enttäuschung über die politische Situation im Land auf der einen und Angst vor der eigenen Zukunft auf der anderen Seite missbraucht.
  1. Entscheidungen von Bürgermeistern werden mittlerweile defensiver und konfliktscheuer getroffen werden. Teilen Sie diesen Eindruck und wie lässt sich dem entgegenwirken?
Menschen haben psychologische Grundbedürfnisse – der Schutz des Selbstwerts und das Erleben von Kontrolle gehören dabei zu den wesentlichen. Wenn Bürgermeister die Erfahrung machen, für Entscheidungen in der Sache persönlich angegriffen zu werden, drängt sie das in die Defensive – schlicht, um sich zu schützen. In der Folge entsteht eine sogenannte Schere im Kopf: Entscheidungen werden dann nicht mehr vor der Frage getroffen, was am sinnvollsten ist, sondern davor: Womit mache ich mich am wenigsten angreifbar. Wie dem entgegengewirkt werden kann? Indem jeder Einzelne Respekt vor Menschen in öffentlicher Verantwortung gelten lässt und darüber nachdenkt, ob sich Kritik auf die Sache bezieht oder auf die Person hinter dem Amt zielt. Kritik in der Sache gehört zur Demokratie, persönliche Angriffe nicht.
  1. Warum werden kommunale Spitzenkräfte nicht besser geschützt?
Das ist eine berechtigte Frage. Politiker auf Bundesebene verfügen im Gegensatz zu Kommunalpolitikern meist über Personenschutz und eine größere Distanz zur Bevölkerung, was die körperliche Unversehrtheit eher sicherstellt. Vermutlich ist der fehlende physische Schutz eine Kombination aus fehlenden Geldern, Personalmangel und möglicherweise auch mangelnder Einsicht in die Notwendigkeit. Flächendeckend ist Personenschutz zum Glück nicht notwendig, selektiv sollte der Zugang jedoch niedrigschwelliger möglich sein.
  1. Und wie sieht es mit dem Schutz auf psychologischer Ebene aus?
Psychologischen Schutz für Amtsträger zu gewährleisten, spricht unterschiedliche Ebenen an: die konsequente Ahndung von strafrechtlich relevanten Übergriffen und Bedrohungen, die zur Anzeige gebracht wurden; den Ausbau von Anlaufstellen, an die sich betroffene Bürgermeister wenden können; und – und das ist der Bereich, in dem ich tätig bin – sich individuelle Unterstützung an die Seite holen, um mit den Belastungen im Amt so umzugehen, dass der Alltag trotz aller Widrigkeiten zufriedenstellend bleibt. Hier geht es um Fähigkeiten wie emotionale Distanzierung, Resilienz und kommunikative Abgrenzung. Zur Wahrheit gehört aber auch: Die psychische Widerstandskraft aller Menschen ist endlich. Kein Amtsträger kann auf lange Sicht massive persönliche, diffamierende oder diskreditierende Angriffe ertragen. Irgendwann ist die Kraft aufgebraucht und es stellt sich die Frage: Möchte ich das weiterhin aushalten? Das ist der Punkt, den Angreifende nicht im Blick haben.
  1. Was würde denn passieren, wenn niemand mehr die Verantwortung für eine Kommune übernimmt?
Das ist leider keine Dystopie, das sehen wir an den leeren Wahlzetteln, die es zunehmend gibt – und ich habe den leeren Wahlzettel aus diesem Grund auch als Motiv für mein Buchcover gewählt. Die Gefahr ist real, und die Vorstellung ist erschreckend und demokratiebedrohend. Wenn es niemanden mehr gibt, der zur Wahl steht, findet Demokratie faktisch nicht statt.
  1. Wie sehen Sie die Kommunalpolitik in zehn Jahren?
Als einen Ort, an dem Mitgestaltung weiter möglich ist und Verbundenheit – die durch Individualisierung und soziale Spaltung immer mehr verloren geht – gespürt und erlebt werden kann. Als Ökonomin sehe ich gleichwohl die gravierenden finanziellen Herausforderungen, die den kommunalen Handlungsspielraum einschränken. Hier ist die Landes- und Bundespolitik in der Pflicht, die Spielräume zu vergrößern – nicht aus Selbstzweck, sondern um die Zufriedenheit der Bürger mit staatlichem Handeln spürbar zu verbessern. Wenn Menschen vor Ort erleben, dass Mitgestaltung möglich ist, wirkt das jeder Polarisierung und Spaltung entgegen – einfach, weil sich Frust und Enttäuschung weniger aufstauen.
  1. Trotz all dieser Hürden und Gefahren: Was macht für Sie persönlich den Wert von Kommunalpolitik aus – und warum lohnt es sich, genau jetzt dafür zu kämpfen?
Es ist wunderbar, den Ort mitzugestalten, in dem man lebt, in dem die eigenen Kinder aufwachsen, in dem Verbindung mit den Nachbarn oder Vereinskameraden entsteht. Letztlich geht es um die unmittelbare Gestaltung des Lebensraums mit anderen – unabhängig von Herkunft, Ausbildung oder politischer Ausrichtung. Es wird viel von Politikverdrossenheit und dem Schwinden der Demokratie gesprochen, auch Umfragen untermauern diese Zahlen: Wir erleben derzeit eine politische Vertrauenskrise. Kommunalpolitik kann hier einen Gegenpol bilden, als ein Ort, an dem demokratische Prozesse unmittelbar erlebt werden.
  1. Würden Sie einem guten Freund empfehlen, in die Kommunalpolitik zu gehen?
Das ist eine sehr individuelle Entscheidung. Gleichwohl kann ich mir kaum eine andere Tätigkeit vorstellen, in der Menschen so viel Selbstwirksamkeit und Gestaltungsmacht erleben – zwei wesentliche Säulen für ein glückliches und zufriedenes Leben. Kommunalpolitik kann also, trotz aller Widrigkeiten, in hohem Maße zum eigenen Wohlbefinden beitragen. Danke für Ihre Zeit, Mercedes Mende

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Pressekontakt: Julia Meyn

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